Das Sechste Wort

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Das Sechste Wort


18)بِسْمِ اللّٰهِ الرَّحْمٰنِ الرَّح۪يمِ

19)اِنَّ اللّٰهَ اشْتَرٰي مِنَ الْمُؤْمِن۪ينَ اَنْفُسَهُمْ وَاَمْوَالَهُمْ بِاَنَّ لَهُمُ الْجَنَّةَ


Wenn du begreifen möchtest, welch gewinnbringender Handel es ist und welch ehrenvollen Rang es erbringt, sein Selbst und sein Vermögen Allah zu verkaufen und Sein ergebener Diener und Streiter zu werden, so höre das folgende Gleichnis an:


Eines Tages verlieh ein Herrscher zwei seiner Untertanen jeweils ein Anwesen, auf dem sich allerlei Dinge wie Fabriken, Maschinerien, Reittiere und Waffen befanden. Da aber eine stürmische Kriegszeit herrschte, war nichts von Bestand. Alles ging entweder zugrunde, oder jemand anderes riss es an sich. Der Herrscher sandte diesen beiden Untertanen, aus seiner vollkommenen Barmherzigkeit, einen ehrenwerten Boten. In einer gnädigen Verordnung bot er ihnen Folgendes an:


»Verkauft mir das Gut, das ich euch anvertraut habe, auf dass ich es für euch beschütze und es nicht unnötig verloren geht. Nach Kriegsende werde ich es euch in einem noch schöneren Zustand zurückgeben. Außerdem werde ich euch – als wäre das anvertraute Gut euer Eigentum – einen hohen Preis dafür bezahlen. Die Maschinen und Geräte der Fabriken werden dann in meinem Namen und unter meiner Aufsicht betrieben werden. Ihr Preis und Wert werden sich vertausendfachen, und den gesamten Gewinn werde ich euch überlassen. Überdies

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18     Im Namen Allahs, des Erbarmers, des Barmherzigen

19     Wahrlich, Allah hat den Gläubigen ihr Selbst und ihren Besitz abgekauft, auf dass ihnen das Paradies zuteil werde.« (Sūra at-Tauba, 9:111)

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seid ihr hilflos und arm und nicht imstande, die Kosten dieser umfangreichen Arbeiten selbst zu tragen. Deshalb werde ich für sämtliche Ausgaben und Notwendigkeiten aufkommen; alle Erträge und den gesamten Profit aber werde ich euch übergeben. Zusätzlich werde ich alles bis zum Ende eurer Amtspflicht in euren Händen belassen. Wie ihr also seht – fünffach Gewinn über Gewinn!


Verkauft ihr mir das Anwesen aber nicht, so seht ihr selbst – niemand kann sein Eigentum beschützen. Ihr werdet es verlieren, wie jeder andere auch. Nicht nur, dass ihr es verliert, auch dieser große Lohn wird euch vorenthalten bleiben. Und auch die feinen, wertvollen Geräte und Instrumente werden ihren Wert gar völlig verlieren, da für sie keine zu verarbeitenden Rohstoffe und somit keine Verwendung gefunden wird. Was euch bleibt, ist die Mühe der Verwaltung und der Bewahrung. Schließlich werdet ihr für die Veruntreuung des anvertrauten Gutes bestraft werden. Ihr seht also auch hier – fünffach Verlust über Verlust! Zugleich bedeutet der Verkauf an mich, mein Soldat zu werden und in meinem Namen zu verfügen. Anstatt herrenloser, niedriger Gefangener werdet ihr eines angesehenen Herrschers auserwählte, freie Soldaten.«


Nachdem die beiden die wohlwollende Verordnung vernommen hatten, sprach der Vernünftigere: »Wie Ihr befehlt! Es ist mir eine Ehre, das Anwesen zu verkaufen. Obendrein bedanke ich mich tausendfach!« Der andere, ein hochmütiger, selbstgefälliger Trunkenbold mit einem pharaonischen Selbst, der nicht im Bilde über das stürmische Durcheinander in der Welt war, sagte: »Nichts da! Ich kenne keinen König. Ich verkaufe mein Gut nicht, noch lasse ich mich aus der Ruhe bringen!«

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Bereits nach kurzer Zeit hatte ersterer der beiden einen so hohen Rang erreicht, dass ihn jeder darum beneidete. Die Gunst des Herrschers wurde ihm zuteil, und er lebte von Glück erfüllt in dessen prächtigem Palast. Den anderen ergriff ein so übler Zustand, dass ihn jeder dafür bemitleidete, zugleich aber äußerte, wie sehr er es verdient hatte. Denn sein Fehler hatte ihn um seine Glückseligkeit und um seinen Besitz gebracht, und er musste Strafe und Qual auf sich nehmen.


Siehe also, o inneres Selbst, das du voll von Gelüsten bist! Blicke der Wahrheit durch das Fernglas dieses Gleichnisses ins Gesicht. Dieser König steht für deinen Herrn und Schöpfer, den ewigen, unvergänglichen Herrscher. Die Anwesen, Maschinen, Geräte und Instrumente sind die Besitztümer in deinem Leben – darunter Körper, Seele und Herz, unter denen sich wiederum sichtbare und verborgene Empfindungen wie Sehvermögen, Geschmackssinn, Verstand und Vorstellungsvermögen befinden. Jener ehrenwerte Bote steht für den Gesandten Allahs 20)صلى الله عليه وسلم und die barmherzige Verordnung für den weisen Koran, welcher den erwähnten gewaltigen Handel in folgendem Vers verkündet:


اِنَّ اللّٰهَ اشْتَرٰي مِنَ الْمُؤْمِن۪ينَ اَنْفُسَهُمْ وَاَمْوَالَهُمْ بِاَنَّ لَهُمُ الْجَنَّةَ

»Wahrlich Allah hat den Gläubigen ihr Selbst und

ihr Vermögen abgekauft, auf dass ihnen

das Paradies zuteil werde.«(21


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20     Allahs Frieden und Segen seien auf ihm

21     Sūra at-Tauba (9:111)

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Das stürmische Schlachtfeld hingegen ist diese turbulente Welt, welche nicht stillsteht, sich ständig verändert, dem Untergang entgegengeht und jedem Menschen die Frage in den Sinn wirft: »Wenn ohnehin jedes Ding vergänglich ist und verloren geht, gibt es denn keine Möglichkeit es in etwas Unvergängliches umzuwandeln und so zu verewigen?« Während der Mensch sich dies fragt und nachdenkt, vernimmt er auf einmal die himmlischen Klänge des Korans, der da verkündet: »Ja, es gibt diese Möglichkeit! Und dies in einer fünffach gewinnbringenden, schönen und bequemen Weise.«


Frage: Was ist diese Möglichkeit?


Antwort: Das anvertraute Gut seinem wa hren Eigentümer zu verkaufen. In ebendiesem Verkauf befindet sich auf fünffache Weise Gewinn über Gewinn.


Erster Gewinn: Vergängliche Besitztümer erlangen Unvergänglichkeit. Denn das vergängliche Leben, welches dem Majestätischen, dem immerwährende Beständigen überlassen und auf Seinem Wege eingesetzt wird, wandelt sich in ein unvergängliches und trägt immerwährende Früchte. So vergehen die Minuten des Lebens zwar äußerlich wie verfaulende Samenkerne, blühen aber in der Welt der Unvergänglichkeit reichlich als Blumen der Glückseligkeit auf und bieten im Zwischenreich einen Licht spendenden, lieblichen Anblick.


Zweiter Gewinn: Als gewaltigen Preis für diesen Verkauf erhält man das Paradies.


Dritter Gewinn: Der Wert eines jeden Körperteils und jeder Sinnesempfindung steigt um ein Tausendfaches. Der Verstand beispielsweise ist ein Werkzeug: Benutzt man ihn im Interesse

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des eigenen Selbst, anstatt ihn Allah zu verkaufen, so wird er zu einem unheilvollen, lästigen und störenden Werkzeug, welches der verzweifelten Seele die schmerzhafte Trauer vergangener Zeiten und die beängstigenden Zustände zukünftiger Zeiten auflädt und so auf die Stufe eines verhängnisvollen, schädlichen Werkzeugs herabfällt. Ebendies ist der Grund dafür, dass der Frevler – um sich vor der Last und der Plage des Verstandes zu retten – in Trunkenheit und maßloses Vergnügen flüchtet. Verkauft man ihn aber seinem wa hren Besitzer und benutzt ihn in Seinem Interesse, so wird der Verstand zu einem wundersamen Schlüssel, der die Tore zu den endlosen Schatzkammern des Erbarmens und der Weisheit in diesem Universum öffnet und so auf die Stufe eines göttlichen Wegweisers steigt, der seinen Besitzer auf die unvergängliche Glückseligkeit vorbereit.


Das Auge beispielsweise ist ein Wahrnehmungsorgan, durch das die Seele diese Welt, wie durch ein Fenster, betrachtet. Verkauft man es nicht Allah, sondern benutzt es nur im Interesse des eigenen Selbst, so wird es durch das Betrachten mancher vergänglicher Schönheiten und Anblicke zu einem schamlosen Diener der Lüste und Gelüste des eigenen Selbst1. Wenn man das Auge aber seinem allsehenden Künstler verkauft, in Seinem Interesse und im Rahmen Seiner Erlaubnis benutzt, so steigt es auf die Stufe eines Studierers des großen Buches des Universums, eines Betrachters der künstlerischen Wunder Allahs und gleicht einer gesegneten Biene, die den Nektar der Blumen der Barmherzigkeit im Garten dieser Erdkugel sammelt.


Verkauft man den Geschmackssinn der Zunge beispielsweise nicht seinem allweisen Erschaffer, sondern lässt ihn ausschließlich im Interesse des eigenen Selbst und im Namen sei-

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nes Magens arbeiten, so stürzt er auf die Stufe eines Torwächters der Lagerhallen und Fabriken jenes Magens herab. Wenn man ihn aber dem großzügigen Versorger verkauft, so erlangt er den Rang eines meisterhaften Betrachters der Schätze der göttlichen Barmherzigkeit und eines dankbaren Verkosters in den Kochstuben der Macht des Unabhängigen.


Also, o Verstand, sei achtsam! Was ist schon ein Unheil bringendes Werkzeug im Gegensatz zum Schlüssel des Universums? O Auge, schaue mit Obacht! Was ist ein schamloser Beobachter im Vergleich zu einem wissenschaftlichen Betrachter der göttlichen Bibliothek? Und o Zunge, koste mit Vorsicht! Was ist schon ein Stallwächter oder Pförtner im Gegensatz zu einem Wächter des besonderen Schatzes der Barmherzigkeit? Vergleichst du noch weitere Werkzeuge und Körperteile wie diese, so wirst du verstehen: In der Tat erlangt der Gläubige ein Wesen, das dem Paradies würdig ist und der Leugner eines, welches sich die Hölle ganz und gar verdient. Der Grund, warum beide einen solchen Wert annehmen ist, dass der Gläubige durch den Glauben das anvertraute Gut seines Schöpfers in Dessen Namen und im Rahmen Seiner Erlaubnis benutzt, der Leugner aber das anvertraute Gut veruntreut und im Interesse seines gebieterischen Selbst einsetzt.


Vierter Gewinn: Der Mensch ist schwach, zugleich aber viel Unheil ausgesetzt. Er ist arm, seine Bedürfnisse aber zahlreich. Er selbst ist hilflos, die Last des Lebens jedoch schwer. Sollte er sich nicht auf den majestätischen Allmächtigen stützen, auf Ihn vertrauen und sich Ihm ergeben, so wird er in ständige seelische Qual verfallen. Ergebnislose Anstrengungen, Schmerzen und Trauer werden ihn erdrücken und ihn entweder zur Trunkenheit treiben oder zu einer Bestie machen.

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Fünfter Gewinn: Die Leute des spirituellen Genusses und der geistigen Enthüllung, Gelehrte und Leute der Bezeugung stimmen darin überein, dass dir die gottesdienstlichen Taten, die Gotteserwähnungen und die hohen Belohnungen all dieser Körperteile und Werkzeuge – dann, wenn du es am nötigsten hast – in Form von Paradiesfrüchten zurückgegeben werden.


Schließt du also diesen fünffach gewinnbringenden Handel nicht ab, so bleiben dir diese Gewinne vorenthalten, und stattdessen erleidest du auf fünf Weisen Verlust über Verlust:


Erster Verlust: Dein Besitz und deine Nachkommen, die du so sehr liebst, dein Selbst und deine Gelüste, die du so sehr verehrst und deine Jugend und dein Leben, von denen du so angetan bist, werden vergehen und sich deinem Besitz entziehen. Die Sünden und den Schmerz aber, die sie dir eingebracht haben, hinterlassen sie dir und laden sie auf deine Schultern.


Zweiter Verlust: Du wirst für das Veruntreuen des anvertrauten Gutes bestraft. Denn dadurch, dass du diese wertvollen Werkzeuge für die wertlosesten Dinge missbraucht hast, hast du dir selbst Unrecht getan.


Dritter Verlust: Indem du all diese wertvollen Sinnesorgane und Körperteile auf eine Stufe herabstößt, die weit unter der des Tieres liegt, verleumdest du die göttliche Weisheit und tust ihr Unrecht.


Vierter Verlust: Indem du deine Schwäche und Armseligkeit zusammen mit der schweren Last des Lebens auf deinen schwächlichen Rücken lädst, wirst du unter den Schlägen von Vergänglichkeit und Trennung fortwährend dein Leid beklagen.

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Der fünfte Verlust zeigt sich darin, dass die reizenden Geschenke des Erbarmers, wie dein Verstand und dein Herz, deine Augen und deine Zunge, die gegeben wurden, um die Fundamente des ewigen Lebens und Voraussetzungen für die jenseitige Glückseligkeit zu sichern, eine scheußliche Gestalt annehmen und dir die Tore zur Hölle öffnen.


Schauen wir uns nun den besagten Verkauf an. Ist er denn wirklich eine so mühselige Angelegenheit, dass die meisten sich vor ihm scheuen? Doch nein! Keineswegs birgt er eine solche Beschwerlichkeit! Denn der Bereich des Erlaubten ist sehr weitreichend und für das Vergnügen völlig genügend. Es besteht also nicht im Geringsten der Bedarf, sich auf Verbotenes einzulassen. Was die von Allah auferlegten Pflichten betrifft, so sind sie leicht in ihrer Verrichtung und nur wenige an der Zahl. Ein Diener und Streiter Allahs zu sein, ist eine derart große und genüssliche Ehre, dass sie sich nicht beschreiben lässt. Was die Aufgabe anbelangt, so besteht sie lediglich darin – gleich einem Soldaten – in Allahs Namen zu handeln und zu beginnen, in Seinem Interesse zu geben und zu nehmen, sich im Rahmen Seiner Erlaubnis und Seines Gesetzes zu bewegen und so Ruhe zu finden. Begeht man einen Fehler, so gilt es, Ihn um Vergebung zu bitten und Ihn anzuflehen, indem man sagt:


»O unser Herr! Vergib uns unsere Fehler, nimm uns als Deine Diener an und lasse uns Dein anvertrautes Gut bis zum

Zeitpunkt der

Rückgabe treu verwalten.

Āmīn!«